
Erich Klahn gehörte jener Künstlergeneration an, die sich auf einen mittelalterlichen Formwillen besann und diesen mit einer modernen Bildsprache zu verbinden suchte. Zutiefst der norddeutschen Kulturlandschaft des 20. Jahrhunderts verbunden, speiste sich seine Bildsprache zunächst aus spätimpressionistischen, dann aus expressionistischen Quellen. Sie hat dabei eine höchst eigenwillige Genese durchlaufen, um schließlich in einem Kanon zu münden, dessen Repertoire altmeisterliche und zeitgenössische Stilmittel verbindet. Sein Werk schildert mit diesen Mitteln den Charakter der Zeit und spiegelt den Verlauf eines dramatischen Jahrhunderts.
Die Zeichnung hat im Werk Erich Klahns neben der Malerei eine ganz eigene formale Entwicklung genommen. Am Kontur orientierte natürliche Formen des Kunststudenten der Münchner Akademie in den frühen zwanziger Jahren sind später von pointiert auf das Motiv zugreifenden, expressiven Linienschwüngen abgelöst worden. Im Spätwerk stehen sich zarte skizzenhafte Bleistiftzeichnungen und kräftige, zumeist in Kohle gefasste Blätter gegenüber.
Das Aquarell ist im Wesentlichen auf Klahns Studien zwischen 1924 und 1934 beschränkt, hat ihn später jedoch stets begleitet. Das Motiv tritt zumeist hinter Stimmungen zurück, welche vor allem von der Farbe getragen werden. Einen Höhepunkt bildet der riesige Zyklus der Illustrationen des Romans »Ulenspiegel« von Charles de Coster. Mit Unterbrechungen von mehreren Jahren hat sich Klahn über vier Jahrzehnte mit dieser Literatur kontinuierlich befasst und von 1935 bis in das Todesjahr 1978 des Künstlers hinein insgesamt 1.312 Aquarelle geschaffen, die sich heute in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel befinden.
Erich Klahns Malerei ist von einer Vielfalt geprägt, die stets zu unabhängigen Bildlösungen geführt hat – jenseits der Tendenzen des 20. Jahrhunderts. Natur und Mensch sind zentrale Motive: Dort wo die Natur ihre Übermacht erweist, ist das dramatische Walten der Kräfte vermittelt. Neben Porträts, Stillleben und Landschaften sind vor allem Altarretabel und zeitkritische Bilder entstanden, die zum Besten in der norddeutschen Malerei dieser Zeit zu rechnen sind. In den dreißiger Jahren standen beide Aufgaben gleichberechtigt nebeneinander. Die Nachkriegszeit brachte eine verstärkte Hinwendung zur Altarmalerei mit sich, in der umfänglich biblische und mythologische Themenkreise behandelt worden sind.
Klahns künstlerisches Selbstverständnis gründete auf der Einheit und Arbeitsteilung von Kunst und Handwerk: Der werkgerechte Entwurf liegt beim Künstler, die Ausführung beim Handwerker, sofern er über die besseren technischen Fähigkeiten verfügt. So führte er die Emailmalerei selbst aus, überließ jedoch seine Teppichentwürfe Fachwerkstätten. Diesem Diktum, das sein Vorbild in der Idee der »Bauhütte« hat, folgte Klahn durch sein ganzes Leben. Gewirkte oder gestickte Teppiche sind Paradebeispiele für eine Kunstauffassung, die im mittelalterlichen Geist seinen Ursprung hat und den Zweck allen künstlerischen Handelns im Nutzen sieht, der für den einzelnen Menschen oder die Gemeinschaft gestiftet wird.
| 1901 | Erich Klahn wird am 16. Mai in Oldenburg (Oldenburg) geboren |
| 1902 | Familie Klahn zieht nach Lübeck |
| 1916–1919 | Besuch der privaten Malschule von Leo von Lütgendorff in Lübeck |
| 1920–1921 | Studium der Malerei an der Kunstakademie in München |
| 1922 | Erster größerer Auftrag: Glasfenster der Luther-Gemeinde in Lübeck |
| 1924 | Studienreisen nach Italien, Spanien und in die Niederlande |
| 1927 | Examen an der Hamburger Kunstschule, danach erste Altäre |
| 1929 | Studienreise nach Belgien, Bekanntschaft mit Carlotta Brinckmann in Celle (Restauratorin der Bildteppiche des Klosters Wienhausen), in der Folge Entwürfe für Teppiche, seitdem abwechselnd in Lübeck und Celle tätig |
| 1935–1939 | Erste Werkphase der »Ulenspiegel«-Illustrationen |
| 1939–1947 | Zweite Werkphase der »Ulenspiegel«-Illustrationen |
| 1946–1959 | Zahlreiche größere Altäre für Kirchen |
| 1951 | Klahn verlässt Lübeck, seit diesem Jahr arbeitet er in Celle |
| 1954 | Erste Emailmalereien (Argonautenschrein, 1956) |
| 1953 | Seit der Heirat mit Barbara Bosse-Klahn, lebenlange Werkstattgemeinschaft (Bildteppische im Klosterstich) |
| 1968 | Beginn der Arbeit an Kassetten-Serien als Wand- oder Deckenvertäfelungen |
| 1977–1978 | Dritte Werkphase der »Ulenspiegel«-Illustrationen in Aquarelltechnik |
| 1978 | Am 14. Oktober in Celle gestorben |